4. Bibelteilen

Bibelteilen erfordert keine Voraussetzungen bei den Teilnehmenden und kann von jedem von ihnen angeleitet werden.

Bibelteilen eignet sich auch für Telefonkonferenzen. Der klassische Ablauf muss dafür nicht variiert werden. Es folgen auch digital folgende Schritte aufeinander:

1. Gebet zur Eröffnung
2. Der Schrifttext wird zweimal vorgelesen
3. Echo – Teilnehmende wiederholen in einer meditativen Atmosphäre und freier Abfolge ein  Wort oder einen Satzteil
4. Einige Minuten Stille
5. Die Teilnehmenden formulieren Eindrücke zum Text und verbinden ihn mit ihrer Lebenswelt
6. „Im Licht“ der Heiligen Schrift gehen die Teilnehmenden an ihre gemeinsame Aufgabe, die besprochen werden soll
7. Abschließendes freies Beten – durch die anleitende Person oder Teilnehmer·innen

Vielleicht braucht es eine etwas aktivere Moderation, die die Einzelnen einlädt, sich mit Wortbeiträgen zu beteiligen. Dabei ist selbstverständlich immer zu respektieren, wenn einzelne Teilnehmer·innen sich zu einem Schritt nicht beteiligen möchten. Unter den Bedingungen digitaler Konferenzen wird es meist jedoch nötig sein, das Nicht-Beteiligen-Wollen verbal zu signalisieren.

Es hat in diesem Fall Sinn, dass alle den biblischen Text an ihrem Ort vor sich haben. Dennoch sollte er zweimal vorgelesen werden, damit der orale Charakter des Bibelteilens nicht verloren geht. In Videokonferenzen kann der Bibeltext auch über die Funktion „Meinen Bildschirm teilen“ von Seiten der Moderation eingeblendet werden. Dabei ist zu bedenken, dass dies nur möglich ist, wenn alle Teilnehmenden der Konferenz am PC mit dabei sind. Nehmen sie dagegen mit Smartphone teil, ist der Text in ihrem Display in der Regel zu klein.

Bei einer Videokonferenz mit mehr als 6-8 Personen ist es möglicherweise sinnvoll, sich – vor allem für Schritt 5 des Bibelteilens – in Kleingruppen aufzuteilen. Dann braucht es im Plenum noch einen kurzen Anhörkreis (Blitzlicht) mit allen, um die Dynamik wieder zusammenzuführen und wichtige Impulse mit allen zu teilen.

 Das Hilfswerk „Missio“ stellt gute Materialien, Karten mit den Anleitungsschritten und für mögliche Varianten zur Verfügung. Bibelteilen ist ein Großgruppenverfahren und kann auch in Gremien mit zwanzig und mehr Mitgliedern eingesetzt werden. In den einzelnen Schritten können jeweils einige Personen sprechen, aber nicht immer alle. Wenn in einem Gremium traditionell einige wenige Personen immer das Wort ergreifen, während andere kaum sich verbal einbringen, kann es notwendig sein, das anzusprechen und vor allem die eher Schweigsamen zu ermutigen, sich einzubringen.

Bibelteilen (Schritte 1 – 5) als Element einer operativen Sitzung sollte eine Dauer von zwanzig bis maximal dreißig Minuten nicht überschreiten. Die Erfahrung zeigt, dass auch durch diese Investition keine Sitzungszeit verloren geht. Die Sitzung dauert nicht länger. Die zu Verfügung stehende Zeit wird in der Regel effizienter genutzt.

Bibelteilen wird in diesem Kontext nicht primär zur spirituellen Vertiefung und zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem biblischen Text eingesetzt, sondern dient dazu, die Überlegungen zur operativen Arbeit in das Licht des Wortes Gottes zu rücken. Dabei ist wichtig zu beachten, dass die Lösung für die anstehenden Fragen nicht im Bibeltext steht. Der Text wird weder funktionalisiert, noch integristisch genutzt, um bestimmte Ideen zu sakralisieren. Die konkrete Bibelstelle sollte deshalb nicht mit Bezug auf die Themenstellung ausgesucht werden. Eine gute Lösung kann das Tagesevangelium, wie es die liturgische Leseordnung vorsieht, sein. Eine Gruppe kann aber vorab auch eine Reihenlesung oder ein anderes Verfahren vereinbaren. Wichtig ist an dieser Stelle, dass nicht von Seiten der Moderation ein Text auf die Situation hin ausgewählt wird.

Zusätzlich zu den Anleitungen von „Missio“ hat sich bewährt, die Bibel in die Mitte der Versammlung zu legen und während der ganzen Sitzung dort liegen zu lassen. Symbolisch drückt das aus, dass das Gremium sich um das Wort Gottes versammelt und sich immer wieder von da her inspirieren lassen will.

Auch bei einer digitalen Konferenz können die Teilnehmenden eine Bibel in ihr Sichtfeld legen. Damit wird symbolisch deutlich, dass sich das Gremium auch dann um die Heilige Schrift versammelt, wenn es digitale Medien nutzt.   

Die Echo-Phase kann mit dem Hinweis eingeleitet werden, dass es darum geht, sich das Evangelium gegenseitig noch einmal zu schenken. Diese Phase und die anschließende Stille dienen dazu, dass das Wort Gottes in den Einzelnen „Wurzeln schlagen“ kann. Der fünfte Schritt – Eindrücke zum Text formulieren und Text und Lebenswelt verbinden – ängstigt manche Menschen, weil sie das Gefühl haben, nichts Kluges zu einem biblischen Text sagen zu können. Diese Schwelle kann gesenkt werden, wenn ausdrücklich nur um „Eindrücke zum Text“ gebeten wird. Dann ist klar, dass niemand den Text sachgerecht auslegen muss, weil es nur darum geht, in dieser Etappe den Text mit dem eigenen Leben, dem eigenen Verstehen und der eigenen Lebenswelt zu verbinden. Einen Eindruck hat jede·r und kann darüber auch sprechen.

Der sechste Schritt des Bibelteilens ist die operative Arbeit und die Tagesordnung. Die ganze Sitzung ist also Teil des Bibelteilens. Manchmal gelingt es, etwas von der meditativen Stimmung der ersten fünf Schritte in die Arbeit des Gremiums weiterzutragen.

Bibelteilen endet mit einem Moment des Gebetes. Dieses steht am Ende der Sitzung. Es kann als Zeit der Stille oder des freien ausgesprochenen Betens gestaltet werden. Das abschließende Gebet sollte nicht wegfallen. Die Sitzung muss also in ihrem inhaltlichen Teil einige Minuten vor dem vereinbarten Ende zum Abschluss gebracht werden.

Die Wirkung des Bibelteilens wird spürbarer, wenn Sitzungen regelmäßig so begonnen werden, sich also eine Vertrautheit mit der Vorgehensweise einstellt. Erfahrungsgemäß trauen sich dann auch mehr Personen als zu Anfang, sich zu beteiligen und sogar zum Abschluss frei zu beten. Als Ritual fördert Bibelteilen das Vertrauen untereinander und eine Atmosphäre der Freiheit, des gegenseitigen Wohlwollens und der geteilten Verantwortung. Wählt das Gremium eine fortlaufende biblische Lesung, kann auf die Dauer auch diese Lektüre das gemeinsame Vertrauen in die Führung Gottes stärken und dahin helfen, die gemeinsamen Erfahrungen im Licht der Heilsgeschichte zu verstehen.

Bibelteilen kann auch als Vorgehensweise genutzt werden, wenn pastoralplanerisch-strategische Themen besprochen werden. Dann kann etwas mehr Zeit für die ersten Schritte eingesetzt werden, beziehungsweise mehrere Etappen der Klärung jeweils wieder mit einem Bibelteilen eingeleitet werden. Die biblischen Texte werden sich dann noch stärker in die Erarbeitung einer neuen Perspektive hineinverweben.