3. Unterbrechen

Dieses Verfahren ist sehr einfach und kann ohne Vorbereitung in jedem Gremium eingesetzt werden.

Wann immer bei einer Beratung zu einem Tagesordnungspunkt alle Argumente auf dem Tisch liegen, oder wenn sich die Diskussion beginnt im Kreis zu drehen oder emotional aufzuschaukeln, wird die Sitzung für einige Minuten unterbrochen. Die Mitglieder des Gremiums bleiben auf ihren Plätzen. Die Unterbrechung ist keine Pause, sondern ein Arbeitsschritt! Ein oder zwei Fragen, die eher auf die affektive Ebene zielen beziehungsweise die persönliche Verbindung ins Thema ansprechen, können hilfreich sein: „Wo bin ich gerade…?“, „Welche Stimmungen sind jetzt in mir, wenn wir das … diskutieren?“ „Was sollten wir auf jeden Fall beachten?“

Bei Videokonferenzen kann diese Vorgehensweise ebenfalls durchgeführt werden. Eventuell hilft es für die Konzentration, wenn die Video- und Audiofunktionen oder nur die Audiofunktion für diese Zeit ausgeschaltet werden, ohne dass die Konferenz an sich verlassen wird. Der Anhörkreis muss in der Regel moderiert werden. Bei Telefonkonferenzen ist eine längere Unterbrechung schwierig.Wenn diese Vorgehensweise genutzt werden soll, bietet es sich an, die Unterbrechung zwischen zwei Telefonkonferenzen anzusetzen bzw. zu verabreden, für eine kurze Zeit aufzulegen und dann wieder ein neues Gespräch zu beginnen.

Nach der Unterbrechung werden alle Mitglieder in einem raschen Anhörkreis gebeten, etwas zu dem zu sagen, was ihnen in der Zeit der Unterbrechung wichtig geworden ist. Der Anhörkreis beginnt nie bei den Hauptredner·innen oder den Verantwortlichen. Im Anhörkreis spricht jede·r nur über sich und die eigenen Eindrücke. Andere Beiträge werden nicht kommentiert. Jede·r kann sprechen, niemand muss. Die anleitende Person versucht eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle Mitglieder eingeladen und ermutigt fühlen, sich einzubringen.

Nach dem Anhörkreis gibt die anleitende Person das Wort an die Person mit der Hauptverantwortung und bittet, die Situation und den Stand der Debatte einzuschätzen: „Wo stehen wir jetzt?“, „Was ergibt sich daraus für unser Thema?“

Variante I:

Manchmal wird im Anhörkreis deutlich, dass emotionale Blockaden oder Beziehungsstörungen verhindern, dass die Sacharbeit vorankommt. Entsprechend dem Grundsatz der Themenzentrierten Interaktion haben solche Störungen immer Vorrang. Sie anzusprechen und miteinander zu bearbeiten, ist wesentlich dafür, gute gemeinsame Ergebnisse zu erzielen. Störungen zu bearbeiten ist keine Zeitverschwendung. Wird es nicht gemacht, verhindern die Widerstände und Beziehungsprobleme nach der Entscheidung die Umsetzung und es wird insgesamt mehr Zeit und Energie benötigt.

In digitalen Konferenzen sind Störungen oft schwerer zu erkennen, da sich Teilnehmende stärker zurücknehmen können und der körperliche Eindruck fehlt oder reduziert ist. Es lohnt deshalb, als Regel zu vereinbaren, dass alle möglichst rasch eine Störung, die sie bei sich oder im Fluss des Geschehens wahrnehmen anmelden. Zusätzlich kann es hilfreich sein, in regelmäßigen Abständen zu unterbrechen und explizit nach Störungen zu fragen.
Die Gefahr ist sonst, dass die Teilnehmer·innen miteinander dauerhaft auf einer Ebene bleiben, die der Fundament-Phase der Exerzitien entspricht. Sie kommen dann nicht in eine erprobte und durch eine Krise vertiefte Beziehung miteinander, die auch dann trägt, wenn die Meinungsunterschiede deutlicher zu Tage treten. Konflikte sollte man nie vermeiden und unter den Teppich kehren – in der Sondersituation geistlichen Arbeitens über digitale Medien jedoch noch weniger. Andernfalls droht eine Entwicklungsverzögerung zu Lasten der gemeinsamen Aufgabe.

Sind wahrscheinlich Störungen im Raum, formuliert die anleitende Person ihren Eindruck. Dabei ist es wichtig, mit der Formulierung keine Partei zu ergreifen. Emotionale Blockaden, Widerstände, Beziehungsstörungen etc.  sind etwas Normales. Mehr noch, es zeigt, dass die Mitglieder engagiert sind und Energie in die Arbeit einbringen. Es gilt nun diese Energie, die im Moment gebunden ist, für die gemeinsame Aufgabe wieder ins Fließen zu bringen.

Das Wort geht dann nacheinander – in ausgewogener Redezeit – an die Hauptprotagonisten der Störung. In sehr aufgeladenen Situationen kann es hilfreich sein, zuvor in einem weiteren Moment der Stille alle Mitglieder zu bitten, innerlich um wertschätzende Kommunikation und ein Gelingen des nächsten Schrittes zu bitten. Die anleitende Person spricht die Protagonisten so deutlich wie möglich auf ihre affektive Beteiligung an. Nicht Sachthemen sind jetzt dran, sondern persönliche Empfindungen. Nach deren Redebeiträgen kann es sinnvoll sein, die anderen Mitglieder um Unterstützung zu bitten. Auch hier wird das affektive Erleben angesprochen: „Wie erleben sie, was gerade geschieht?“ Das Gespräch über die Störung endet erst, wenn alle den Eindruck haben, dass die Energie wieder in die Sacharbeit gehen kann. Meist ist dann aber erst einmal eine Pause erforderlich.

In digitalen Konferenzen scheint auf den ersten Blick nicht genügend Zeit für solche Vorgehensweisen zu sein. Dennoch hat es keinen Sinn, Störungen auf der affektiven Ebene zu übergehen. Das Gremium ist dann nicht arbeitsfähig und produziert Rationalisierungen, die sich in der Regel hinterher wenig geerdet und praxistauglich zeigen. Das Gegenteil ist also richtig: Gerade weil in digitalen Konferenzen die Pausenzeiten wegfallen, in denen sonst ganz viel „Beziehungsarbeit“ nebenbei geleistet wird, müssen die Beziehungsklärungen in den Arbeitsablauf integriert werden.

Tiefergreifende Störungen können mit den Methoden der Gewaltfreien Kommunikation angegangen werden. Hierfür ist aber eine Ausbildung der Anleitenden erforderlich.

Variante II:

Wenn sich im Sachgespräch gezeigt hat, dass es mehrere möglicherweise gute Alternativen gibt, aber die Entscheidung wegen der Unsicherheit künftiger Entwicklungen nicht auf der Hand liegt, kann die Unterbrechung auch für eine kurze Unterscheidung der Geister genutzt werden.

Dann wird das folgende Kriterium der Unterscheidung eingeführt: „Welche Alternative scheint mir eher in Richtung eines Mehr an Leben, Freiheit und Mündigkeit, eines Mehr an Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden, eines Mehr an Glaube, Liebe und Hoffnung… zu gehen?“ Die Unterbrechung wird dann etwas länger angesetzt – wenigstens zehn Minuten –, damit alle genügend Zeit haben, in sich ein inneres Gespür für dieses Kriterium zu entwickeln.

Digitale Konferenzen müssen für diesen Schritt in der Regel unterbrochen werden. Manchmal lassen sich andere Tagesordnungspunkte vorziehen. Dann bietet es sich an, dass die möglichen guten Alternativen verschriftlicht und allen zugesandt werden. Mit beigegeben wird die Anleitung für die Unterscheidung der Geister mit der Bitte, sich in einem vorgegebenen Zeitraum die angegebene Unterbrechung selbst zu organisieren. Dabei gilt: Wer die betend horchende Unterbrechung nicht hält, kann dann im nächsten Schritt nicht in gleicher Weise geistlich Qualifiziertes einbringen. Da es aber gute Gründe geben kann, weshalb die Unterbrechung nicht gehalten werden konnte, hat es Sinn, zu Beginn der nächsten digitalen Konferenz offen zu legen, wer mit welchen Voraussetzungen wieder in das Geschehen eintritt. Dabei ist eine wohlwollende Atmosphäre vorausgesetzt und das Ziel im Blick, zu einer guten Unterscheidung zu kommen. Es geht nicht um Kontrolle.

Als nächster Schritt wird dann in gleicher Weise wie beim direkten Treffen ein Anhörkreis gehalten. Wenn Menschen es gewohnt sind, auch persönliche geistliche Erfahrungen zu verschriftlichen, kann dieser erste Anhörkreis auch in einen Mailaustausch verlegt werden.  Die Mitglieder werden bei diesem Schritt eingeladen, insbesondere auf das Kriterium der Unterscheidung der Geister Bezug zu nehmen. Häufig führt dieser Schritt bereits zu einem breiten Konsens. Wenn sich aber zeigt, dass weiterhin mehrere Alternativen mit guten Gründen und einer Wahrscheinlichkeit, dem Kriterium für die Unterscheidung der Geister zu entsprechen, im Raum sind, folgt eine zweite Unterbrechung und ein zweiter Anhörkreis.

Die anleitende Person bittet, noch einmal nach innen und nach „oben“, auf das Wirken des Geistes Gottes jetzt hier unter uns, hinzuspüren. „Wenn ich jetzt die anderen gehört habe, scheint mir…“, „Das Gute für alle in unserer Frage, könnte eher in dieser Richtung erreicht werden…“, „Ganz gleich, wie wir uns entscheiden, sollten wir unbedingt beachten…“.

Der zweite Anhörkreis sollte unbedingt innerhalb der Telefon- oder Videokonferenz stattfinden.  Auch wenn es Entscheidungsprozesse über digitale Medien verzögert, ist diese zweite Runde unabdingbar, denn meist entsteht erst jetzt eine Bewegung hin auf eine gemeinsinnige Entscheidung.

Abschließend formuliert die anleitende Person nach dem ersten oder zweiten Anhörkreis ihren Eindruck vom Konsens und bietet ihn dem oder der Hauptverantwortlichen an. Diese·r wird gebeten, dazu Stellung zu nehmen.